„Wir müssen über Trans-Feminizide sprechen!“ – Redebeitrag zum feministischen Kampftag 08. März 2022

CN: Transfeindlichkeit, Gewalt, Mord, Suizid.

Ende letzten Jahres haben wir die „Fight Femicide“ Veranstaltungsreihe unterstützt, die von einem Bündnis aus feministischen Gruppen und Einzelpersonen organisiert wurde. Die Reihe hat über Feminizide und die weltweiten Kämpfe gegen sie informiert und aufgeklärt. Ziel war es, auch in Marburg erste Schritte im Kampf gegen Feminizide zu gehen. Dabei wurden viele Themen beleuchtet. Leider fehlen bei solchen Reihen aber immer auch Perspektiven und Themen, die eigentlich wichtig sind. Bei uns waren es (unter anderem) Trans-Feminizide.

Das Thema wird nur selten besprochen. Das macht es nicht nur schwerer, sondern auch umso wichtiger, darüber zu sprechen. Schwer fällt es uns, weil wir selbst keine Expert*innen dafür sind. Für die Veranstaltungsreihe wurden auch keine Expert*innen gefunden, die darüber einen Vortrag halten wollten oder konnten. Darum möchten wir nun den feministischen Kampftag dazu nutzen, um auf das Thema aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen.

Auf offizielle Statistiken können wir uns auch hier wie so oft nicht verlassen. Das liegt zum einen daran, dass es ganz einfach keine staatlichen Statistiken zur Ermordung von Trans Personen in Deutschland gibt. Zum anderen aber auch an der staatlichen Transfeindlichkeit: Wer den staatlichen Spießrutenlauf zur Personenstandsänderung nicht hinter sich bringt, der*die wird polizeilich misgendered und ganz selbstverständlich in die falsche Statistik aufgenommen. Keine Zahlen, kein Problem? Staatliche Cis-Normativität regelt.

Der weit überwiegende Großteil der transfeindlichen Morde wird an trans Frauen und Femmes begangen. Und viele von ihnen waren, bevor sie ermordet wurden, in der Sexarbeit tätig. Auch Schwarze Menschen, people of colour und Migrant*innen werden besonders häufig aus transfeindlichen Motiven ermordet.

Die schmerzhafte Arbeit, diese Gewalt zu beobachten, darauf aufmerksam zu machen und die Gewaltverbrechen zu zählen muss also mal wieder von der Community selbst gemacht werden. Trans Rights Organisationen wie „Trans Murder Monitoring“ oder „ProTrans“ tun das. Der Trans Day of Remembrance, der jedes Jahr am 20. November von der Community begangen wird, erinnert an unsere Geschwister, die transfeindliche Gewalt erleben oder durch sie ermordet wurden.

Und das vielleicht schlimmste daran ist, dass wir bis hierhin noch gar nicht von Suiziden gesprochen haben: Müssen wir nicht eigentlich auch jede Selbsttötung und jeden Versuch dazu, zu den Gewaltverbrechen zählen? Nicht etwa, weil die Selbsttötung ein Verbrechen sei, sondern weil die gesellschaftliche und oft familiäre Gewalt trans Personen dazu bringt, den Suizid als letzten Ausweg aus ihrer Lage zu sehen.

Was sind nun die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen? Das Problem ist international, intersektional und natürlich, wie so oft in dieser beschissenen Welt, trifft es die ohnehin Marginalisierten mal wieder am heftigsten. Wir können uns dabei nicht auf den Staat und seine Behörden, seine Statistiken verlassen. Wir müssen uns selbst organisieren, in Communitys, in antirassistischen und migrantischen, in feministischen und queeren Bewegungen – um gegen die Ermordungen unserer Geschwister und gegen alle Feminizide zu kämpfen.

Wir möchten nicht weiter über das Thema sprechen. Aber wir müssen. Mit einer Veranstaltungsreihe ist es nicht getan; ein Redebeitrag ist kein Schlussstrich.

Unser Kampf geht weiter, bis keine unserer Geschwister mehr ermordet werden!

Mourn the Dead, fight like hell for the living!

8. März heißt Kampfansage!

Zwei Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau – Solidarisches Gedenken

Am 19.02.2022 jährt sich der rechtsterroritische Anschlag in Hanau zum zweiten Mal. Wir halten die Erinnerung wach, an die Kämpfe migrantisierter Menschen und an die Menschen, die in dieser Nacht aus rassistischen Motiven getötet wurden:

Gökhan Gültekin

Sedat Gürbüz

Said Nesar Hashemi

Mercedes Kierpacz

Hamza Kurtović

Vili Viorel Păun

Fatih Saraçoğlu

Ferhat Unvar

Kaloyan Velkov

Wir stehen in Solidarität und Trauer mit allen Menschen, die von rassistischer und rechter Gewalt betroffen sind.

Erinnern heißt kämpfen! Wut und Trauer zu Widerstand!

Anarchist*in gesucht!

Wir sind immer auf der Suche nach Anarchist*innen, die Lust haben, Teil von ana*m zu werden. Wenn ihr also Bock auf politische Arbeit habt und unser Selbstverständnis so in etwa dem entspricht, was ihr sucht, dann schreibt uns doch ne Mail (am besten verschlüsselt)! Wir suchen gerade aber nicht nach cis Männern (schreibt uns gerne trotzdem, vielleicht kommen wir zu einem späteren Zeitpunkt nochmal auf euch zurück).
Eine Sache noch: wenn ihr uns schreibt, dann erzählt es bitte nicht groß rum. Als geschlossene Gruppe machen wir nicht öffentlich, wo wir organisiert sind und wenn ihr diskret damit umgeht, dass ihr bei uns mitmachen wollt, dann ist die Diskretion auch einfacher, wenn ihr mal Teil der Gruppe seid.
Wir freuen uns von euch zu hören, lasst uns zusammen das kapitalistische Patriarchat aus den Angeln heben!

Solidarität statt Verschwörungsmythen

Fast zwei Jahre Pandemie, und die Todeszahlen steigen weiter.
Fast zwei Jahre Pandemie, und das medizinische Personal ist immer noch überarbeitet.
Fast zwei Jahre Pandemie, und die reichsten Unternehmen werden immer reicher.
Mehr als ein Jahr Impfstoff, und die Patente sind immer noch nicht ausgesetzt.

Parallel dazu:
Fast zwei Jahre Pandemie, und Verschwörungsideolog*innen ziehen durch die Straßen, in Deutschland und auch in Marburg, skandieren dabei ihre antisemitische und unwissenschaftliche Erzählung von der Pandemie als einer bösartigen Verschwörung finisterer Eliten. Dabei werden sie von Woche zu Woche mehr, radikaler und gefährlicher.

Das ist alles Grund genug: Sauer zu sein, wütend zu sein, und laut zu verkünden:
Das wollen wir nicht! Kein längeres weiter-so-wirtschaften auf Kosten von mehr Covid-Erkrankungen und kein längeres Dulden von Verschwörungsideolog*innen in unserer Stadt.

Deshalb rufen wir auf: Schließt euch uns an und kommt zu unserer Demonstration am 08.01. um 14 Uhr am Hbf Marburg unter dem Motto “Solidarität statt Verschwörungsmythen”. Lasst uns zusammen zeigen, dass wir mehr sind als diese kleine, aber laute, Minderheit von Verschwörungsideolog*innen und lasst uns zusammen zeigen, dass wir keine egoistische, sondern einen solidarische Pandemiebekämpfung wollen!

Bitte lasst euch am Tag noch testen und denkt an euren medizinischen Mund-Nasen-Schutz.

Redebeitrag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, 25.11.21

Im Folgenden unser Redebeitrag, den wir auf der Demo zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen gehalten haben. Die Demo wurde wie jedes Jahr auch dieses mal vom AFLR organisiert.

Redebeitrag 25.11.2021: Queere Kämpfe

Wir sind ana*m, eine anarchafeministische Gruppe aus Marburg.

Wie ihr wisst, ist heute, am 25. November, der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Also Gewalt an Frauen aus dem einfachen Grund, dass sie Frauen sind. Diese Gewalt ist im Patriarchat alltäglich und allgegenwärtig und dennoch statistisch untererfasst und medial wenig präsent. Diese Form von Gewalt betrifft ALLE Frauen, und die Frauen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind besonders.

Die vorherrschenden Bilder, zum Beispiel von Gewalt in intimen Beziehungen und Partner*innenschaften, sind allerdings stark normativ verzerrt: Wenn überhaupt, wird über die weiße able-bodied cis-Frau berichtet, die in ihrer heterosexuellen Beziehung Gewalt erlebt. Die andere Variante der vorherrschenden Berichterstattung ist von einem stark rassistischen Narrativ geprägt. Beide Erzählungen verfestigen den Status Quo der Machtstrukturen anstatt ihn anzugreifen. Beide Erzählungen werden der Vielfalt der Erfahrungen von Frauen, die tatsächlich von Gewalt betroffen sind, nicht ansatzweise gerecht.

Die Vielschichtigkeit von Gewalt aufgrund von mehrfach diskriminierenden Zuschreibungen und Strukturen wird kaum statistisch erfasst und medial verarbeitet. Ein Beispiel hierfür sind lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen. Auch diese sind von Gewalt gegen Frauen betroffen. Diese äußert sich allerdings in einer spezifischen Form und ist zudem noch von Gewalt begleitet, die das nicht normative Begehren dieser Frauen sanktioniert. Mainstream Medien suggerieren, dass lesbisch oder bisexuell zu sein bei Frauen heutzutage ein akzeptierter Lifestyle sei. Das legt den falschen Schluss nahe, dass nicht normatives Begehren bei Frauen auch im Alltag weithin akzeptiert sei. Die Realitäten von alltäglicher, vielschichtiger Diskriminierung werden hierbei ignoriert. Für betroffene Frauen wächst die Hürde von erfahrener Gewalt zu berichten. Nur 3% der lesbenfeindlichen Gewalt wird angezeigt. Die Dunkelziffer ist somit um einiges höher als die bei Gewalt gegenüber schwulen Männern. Spezifisch gegen lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen gerichtete Gewalt passiert meist im öffentlichen Raum und sanktioniert direkt die Sichtbarkeit von nicht normativem Begehren. Dies verdrängt lesbische, bisexuelle und pansexuelle Lebens- und Liebensweisen aus der Öffentlichkeit.

Auch Gewalt gegenüber Menschen, die außerhalb cis geschlechtlicher Binarität leben, ist weithin nicht als gesellschaftlich relevant anerkannt. Hasskriminalität gegenüber trans Personen wird erst seit Anfang 2020 überhaupt gesondert von der Polizeistatistik gelistet.
Dabei können wir von einen körperlichen Angriff auf eine trans* Person an jedem Tag des Jahres in Deutschland ausgehen – Verbale Angriffe, wie etwa Morddrohungen, nicht eingerechnet. Diese Gewalt macht uns fassungslos. Aber wir werden nicht aufhören uns und andere daran zu erinnern.

Für Personen die sich als trans, inter oder nichtbinär identifizieren kommt mit dem medizinischen Bereich ein weiterer Sektor an institutionalisierten Gewalterfahrungen hinzu. Das erzwungene Unterziehen von Begutachtungen, Pathologisierung, unkonsensuale medizinische Eingriffe oder die Verweigerung der Behandlung sind nur einige Beispiele der Sanktionen im medizinischen Bereich, die spezifisch gegen Menschen angewendet werden, die sich der cis- und dya-geschlechtlichen Normativität entziehen.
Insgesamt steigt die Hasskriminalität gegen LGBTIQ in Deutschland seit einigen Jahren stark an. Viele der Angriffe auf Queeres Leben werden hierbei von Tätern mit rechter Gesinnung begangen und gesellschaftlich begünstigt durch eine weit verbreitete Abwertung von allem was als ‚Anders‘ konstruiert wird. In all jenen Bereichen, in denen Menschen von der konstruierten Norm abweichen, kommt normative Gewalt und Sanktionierung zum Einsatz. Um den Status Quo der Macht zu erhalten werden Menschen, die sich einer normativen Lebensweise widersetzen, systematisch unsichtbar gemacht, zum Schweigen gebracht und ermordet.

Lasst uns heute auf die Straßen gehen gegen Gewalt an Frauen. Und lasst uns die Vielfalt der Lebensrealitäten von Frauen und die Vielschichtigkeit der Gewalt gegen sie nicht vergessen. Zahlen können hilfreich sein um die Wichtigkeit von Kämpfen auch in bürgerliche Kontexte hinein zu tragen. Gewaltstatistiken können die Verflechtung von Mehrfachdiskriminierung aber im Kern nicht erfassen und leiden immer unter dem grundlegenden Problem der Kategorisierung. Sie rütteln nicht an den lebensfeindlichen Strukturen und ändern nichts an den Herrschaftsverhältnissen.

Die Kraft für unsere solidarischen Kämpfe und unseren Widerstand ziehen wir aus unseren Schmerzen, unserer Trauer, unserer Wut. Wir wollen uns in Queeren Kämpfen verbinden und die allgemeine Ordnung stören!

‚Queer‘ ist für uns in diesem Kontext ein Kampfbegriff. Queer zu sein ist ein politisches Bekenntnis der anti-Normativität.
Es bedeutet, sich in allen Bereichen des Lebens aufzulehnen gegen eine mörderische Norm.
Es bedeutet, dass wir uns nicht vorschreiben lassen wer wir sind und wer wir sein können.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wie, wo und mit wem wir leben.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wen und wie wir lieben, wen und wie wir ficken und mit wem wir uns verbünden.
Wir sind unfassbar wütend.

Wir wollen in wütender Trauer und queerer Solidarität das verdammte System aus den Angeln heben.

23.11.2021 Vortrag: Sex work and femicide. Why „dead hooker“ jokes are a thing

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe ‚Fight Femicide‘ mit Anabel von SWAG (Sex Workers Action Group)

Start 20:30, Cafe am Grün, Marburg,  2G

Als Gesellschaft gewöhnen wir uns an konträre Aussagen. Auf der einen Seite, wird es „das älteste Gewerbe der Welt“ genannt. Auf der anderen Seite überrascht es niemanden von Gewalt gegen Sexarbeitende zu hören. Zum Beispiel sind „Tote Huren“ Witze eine eigene Witzekategorie, welche die patriarchalen Framings der Sexarbeit in verquerter Sexualmoral oder expliziter Misogynie durch Skandalisierung und torture porn Entertainment gesellschaftstauglich machen sollen. Natürlich immer mit der unterschwelligen Androhung, dass diejenigen die sich tatsächlich, und nicht nur vermeintlich, in die Sexarbeit begeben, die Gewalt, die dadurch folgen muss, selbst auf sich ziehen, anstatt diese vielschichtige Gewalt als Instrumente des Patriarchats zu erkennen.

Sexarbeitende werden umgebracht ohne, dass es einen Zeitungsartikel darüber, eine Beerdigung oder zielführende Ermittlungen gibt. „No humans involved“ geschieht auch in Deutschland.

Sexarbeiter*innenrechte retten Leben.

Die Veranstaltung findet unter 2G (geimpft/genesen) statt. Bitte denkt an ensprechende Nachweise und Lichtbildausweise.

Redebeitrag zum 06.11.21 – Normania-Leipzig Veranstaltung

NO BORDERS

Dies ist ein Redebeitrag von ana*m, einer anarcha-feministischen Gruppe aus Marburg.

Menschen migrieren schon immer. Und schon immer aus verschiedenen Motiven. Sie hängen direkt mit unserer Art zu leben zusammen und wie unsere Gesellschaft strukturiert ist.

Der Kolonialismus des Westens hat tiefe Spuren in den Gesellschaften des globalen Südens hinterlassen. Der Wert eines Menschen wird weiterhin entlang rassifizierender Merkmale bestimmt. Die Folgen der Ökologie- und Klimakrise macht das Leben in einigen Regionen der Erde unzumutbar. Menschen des globalen Südens werden in langen Produktions- und Lieferketten ausgebeutet, die Gewinne anderswo auf der Welt abgeschöpft. Der materielle Reichtum und die imperiale Lebensweise der oberen Schichten im globalen Norden beruht auf der Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie des globalen Südens.

Migrant*innen haben also gute Gründe, sich auf den Weg zu machen und ein besseres Leben für sich zu suchen. Sie stecken in unserer Gesellschaftsstruktur, in unserer Lebensweise: In einem Wirtschaftssystem, das unsere Lebensgrundlagen zerstört; in der Kapitalverwertungslogik, die Menschen ausbeutet; im postkolonialen Rassismus, der Menschen gewaltvoll unterdrückt, in nationalstaatlicher Logik, die Menschen in bürgerliche Rechtssubjekte und rechtlose Subalterne unterteilt. Menschen haben gute Gründe, selbstbestimmt nach einem besseren Leben zu streben.

Sie aufzuhalten, ist verachtenswert.

Doch genau das macht sich die Europäische Union zur Aufgabe. Schon in den Herkunftsländern versucht sie, die Menschen zum Bleiben zu bewegen, ohne ihnen dort ein gutes Leben ermöglichen zu wollen. Die globale Arbeitsteilung, die Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie und ihrer Ökosysteme, die Rassifizierung von Körpern bleiben bestehen. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen im Streben nach einem besseren Leben die tödliche Sahara und das tödliche Mittelmeer überwinden müssen. Zusätzlich stellt die EU ihnen auch noch Mauern, Zäune, Grenzschutztechnologien, bewaffnete Grenzschützer*innen und Schlägertrupps in den Weg. An den Außengrenzen Europas – vorgelagert in Nordafrika, an Fluchtwegen wie der Balkanroute, im Mittelmeer – sorgt die EU mit Hilfe von Frontex, finanzieller Unterstützung von Autokratien und der sogenannten „libyschen Küstenwache“ für die Abschottung Europas und das Sterben vor und an den Außengrenzen Europas. Auch wenn Vertreter*innen der EU immer wieder von Menschenrechten faseln. Rein ins europäische ‚Paradies‘ kommt legal nur, wer für die europäische Wirtschaft nutzbar gemacht werden kann. Alle anderen müssen ihr Leben aufs Spiel setzen, um in Europa nach Schutz und Menschenwürde zu fragen.

Seit 2017 sind über 13.000 Menschen im Mittelmeer gestorben.

Aber die eigensinnigen Bewegungen der Migration, das Streben nach einem besseren Leben, lassen sich nicht durch Stacheldraht und Frontex, noch durch PR-Aktionen wie „Defend Europe“ von den Faschist*innen der Identitären aufhalten. Die Aktion der Identitären ist eine radikalisierte, aber konsequente Fortsetzung des eben beschriebenen europäischen Grenzregimes – allerdings ohne den Versuch, den bürgerlichen-legalistischen Anstrich zu bewahren. Anstatt – wie die EU – hinterrücks die sogenannte libysche Küstenwache zu unterstützen und so Menschen zurück nach Libyen in Sklav*innenlager zu schicken, prahlten die Identitären mit diesem Vorhaben offen. Anstatt durch juristische Verfahren und verbale Hetze Seenotrettung zu kriminalisieren, war es ausgesprochenes Ziel der Identitären, die NGOs dabei zu behindern, Menschen aus lebensbedrohlichen Situationen zu retten.

Die Gleichzeitigkeit dieses tödlichen Grenzregimes und PR-Aktionen von Faschist*innen, die es in weiterer Konsequenz durchsetzen, ist widerwärtig.

Dass Alexander Schleyer, der 1. Offizier dieser sogenannten Mission, heute bei der Burschenschaft Normannia-Leipzig zu Marburg spricht, ist kein Zufall. Schleyer ist nicht nur selbst Bruschi bei den Raczeks zu Bonn und Corpsstudent bei dem Corps Hansea Wien, sondern auch Identitärer, schreibt für diverse rechte Zeitschriften und hat ein Buch über „Defend Europe“ im neurechten Antaios-Verlag veröffentlicht. Bis 2017 hat er für die FPÖ als parlamentarischer Mitarbeiter gearbeitet. Die Normannia ist in der „Deutsche Burschenschaft“ organisiert, dem Dachverband von Nazi-Burschenschaften. Dieser fiel in der Öffentlichkeit vor allem wegen seiner Diskussionen um Ariernachweise als Voraussetzung zur Mitgliedschaft auf. Diese Diskussionen basierten damals auf einem Antrag der Raczeks. Der Vortrag ist ein klassisches Beispiel für die Funktion, die den völkischen Burschenschaften im Mosaik der faschistischen neuen Rechten zukommt: Sie sind der Ort, an dem Vernetzung stattfindet. Hier treffen die verschiedenen Teile der extremen Rechten aufeinander. Die Burschenschaften, die sich als akademische Elite verstehen, rekrutieren und bilden Nachwuchs, der durch das beschriebene Networking und die in der Struktur von Studentenverbindungen ohnehin vorgesehenen Seilschaften, an den verschiedenen Stellen der extremen Rechten Karriere machen kann: als Autoren bei Antaios, Blaue Narzisse, Junge Freiheit, Compact, als Aktivisten der Identitärer Bewegung und 1%, als Politiker bei AfD und FPÖ. Sie alle arbeiten an der autoritären Formierung der Gesellschaft und daran, die ohnehin schon restriktiven und rassistischen EU-Grenzregime noch zu verschärfen. Den Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft kommt dabei, trotz ihrer geringen Auffälligkeit im Stadtbild, eine wichtige Rolle zu.

Für ein gutes Leben für alle einzustehen, bedeutet für uns die konsequente Kritik an Nationalstaaten. Der Idee der Nation ist das Prinzip der Grenze und die Trennung in ein Außen und Innen inhärent. Konsequent umgesetzte Bewegungsfreiheit erfordert also einerseits die Abschaffung von Nationalstaaten, die Menschen gewaltsam in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. Es bedeutet für uns auch die Bekämpfung rassistischer globaler Ausbeutungsverhältnisse und die Forderung nach Klimagerechtigkeit. Ein gutes Leben für alle bedeutet, selbst entscheiden zu können, zu gehen oder zu bleiben, sich frei bewegen zu können. Das heißt auch, dass alle Menschen über die materiellen Grundlagen verfügen müssen, ihren Wohnort frei zu wählen und die dafür notwendigen Schritte einleiten zu können. Im Kapitalismus kann es eine solche Freiheit nicht geben, weil er nicht den materiellen Bedürfnissen aller, sondern lediglich der Kapitalakkumulation dient. Das Eintreten für Bewegungsfreiheit erfordert also nicht nur das Bekämpfen des Faschismus, mit seinen Burschenschaftlern und selbsternannten Grenzpatrouillen, sondern auch den Angriff auf die rassistische Verwertungslogik und die Politik des Sterbenlassens der EU. Es bedeutet für uns, gegen diese beiden menschenverachtenden Ideologien einzustehen, die Überwindung von Staat, Nation und Kapital. Wir verbünden uns mit den Menschen, die beharrlich für ihr Recht auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben kämpfen. Die Forderung nach globaler Bewegungsfreiheit eines jeden Menschen muss ein wirkliches „Kein Mensch ist illegal.“ werden!

Vortrag: Sex work and femicide. Why „dead hooker“ jokes are a thing

Vortrag am 23.11.2021, 20:30 Uhr im Café am Grün mit Anabel von SWAG (Sex Worker Action Group) – es gilt 2G.

Als Gesellschaft gewöhnen wir uns an konträre Aussagen. Auf der einen Seite, wird es „das älteste Gewerbe der Welt“ genannt. Auf der anderen Seite überrascht es niemanden von Gewalt gegen Sexarbeitende zu hören. Zum Beispiel sind „Tote Huren“ Witze eine eigene Witzekategorie, welche die patriarchalen Framings der Sexarbeit in verquerter Sexualmoral oder expliziter Misogynie durch Skandalisierung und torture porn Entertainment  gesellschaftstauglich machen sollen. Natürlich immer mit der unterschwelligen Androhung, dass diejenigen die sich tatsächlich, und nicht nur vermeintlich, in die Sexarbeit begeben, die Gewalt, die dadurch folgen muss, selbst auf sich ziehen, anstatt diese vielschichtige Gewalt als Instrumente des Patriarchats zu erkennen.

Sexarbeitende werden umgebracht ohne, dass es einen Zeitungsartikel darüber, eine Beerdigung oder zielführende Ermittlungen gibt. „No humans involved“ geschieht auch in Deutschland.

Sexarbeiter*innenrechte retten Leben.

 

Die Veranstaltung findet unter 2G (geimpft/genesen) statt. Bitte denkt an ensprechende Nachweise und Lichtbildausweise.

Veranstaltungsreihe: Fight Femicide

22.10.21: Wir wollen uns Lebendig! Warum wir über Feminizide sprechen müssen – eine Einführung, mit Susanne Hentschel und Jana Flörchinger (#KeineMehr Berlin)

02.11.21: Feminizide und Männlichkeiten, mit Nadine Seyler (Wendo Marburg e.V.) entfällt leider!

10.11.21: Frauenhasser sucht Frau. Paradoxien und Effekte der Incels, mit Andreas Hechler

16.11.21: Femi(ni)zide – Workshop zum Thema „online Datensammlung“ mit femicidmap.org

23.11.2021: Vortrag zu Sexarbeit und Feminiziden, mit SWAG (Sex Worker Action Group)

27.11.21: Filmvorführung „Nur eine Frau“ mit anschließendem Input und Diskussion

07.12.2021: Feminist Movements against Femicides. A panel on international Perspectives, Podiumsdiskussion, englischsprachig

Kampagne gegen rechten Terror: Ein Einzelfall kommt selten allein

“Ein Einzelfall kommt selten allein”

Die antifaschistische Kampagne startet im Mai 2021 mit einer Demo gegen rechten Terror in Offenbach. Damit und mit der darüber hinaus laufenden Kampagne wird auf die Kontinuität rechten Terrors und die Verharmlosung dessen, durch die stetige Wiederholung des “Einzeltäter”-Mythos, aufmerksam gemacht. Seit Jahren häufen sich die aufgeflogenen rechtsterroristischen Netzwerke in Polizei, Bundeswehr und in anderen Zusammenhängen. Mit der Kampagne möchten wir eine kritische Öffentlichkeit auf rechten Terror richten und spezifische Fälle aus antifaschistischer Sicht näher behandeln.

Website: keineinzelfall.noblogs.org

Twitter: twitter.com/kein_einzefall

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