„Wir müssen über Trans-Feminizide sprechen!“ – Redebeitrag zum feministischen Kampftag 08. März 2022

CN: Transfeindlichkeit, Gewalt, Mord, Suizid.

Ende letzten Jahres haben wir die „Fight Femicide“ Veranstaltungsreihe unterstützt, die von einem Bündnis aus feministischen Gruppen und Einzelpersonen organisiert wurde. Die Reihe hat über Feminizide und die weltweiten Kämpfe gegen sie informiert und aufgeklärt. Ziel war es, auch in Marburg erste Schritte im Kampf gegen Feminizide zu gehen. Dabei wurden viele Themen beleuchtet. Leider fehlen bei solchen Reihen aber immer auch Perspektiven und Themen, die eigentlich wichtig sind. Bei uns waren es (unter anderem) Trans-Feminizide.

Das Thema wird nur selten besprochen. Das macht es nicht nur schwerer, sondern auch umso wichtiger, darüber zu sprechen. Schwer fällt es uns, weil wir selbst keine Expert*innen dafür sind. Für die Veranstaltungsreihe wurden auch keine Expert*innen gefunden, die darüber einen Vortrag halten wollten oder konnten. Darum möchten wir nun den feministischen Kampftag dazu nutzen, um auf das Thema aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen.

Auf offizielle Statistiken können wir uns auch hier wie so oft nicht verlassen. Das liegt zum einen daran, dass es ganz einfach keine staatlichen Statistiken zur Ermordung von Trans Personen in Deutschland gibt. Zum anderen aber auch an der staatlichen Transfeindlichkeit: Wer den staatlichen Spießrutenlauf zur Personenstandsänderung nicht hinter sich bringt, der*die wird polizeilich misgendered und ganz selbstverständlich in die falsche Statistik aufgenommen. Keine Zahlen, kein Problem? Staatliche Cis-Normativität regelt.

Der weit überwiegende Großteil der transfeindlichen Morde wird an trans Frauen und Femmes begangen. Und viele von ihnen waren, bevor sie ermordet wurden, in der Sexarbeit tätig. Auch Schwarze Menschen, people of colour und Migrant*innen werden besonders häufig aus transfeindlichen Motiven ermordet.

Die schmerzhafte Arbeit, diese Gewalt zu beobachten, darauf aufmerksam zu machen und die Gewaltverbrechen zu zählen muss also mal wieder von der Community selbst gemacht werden. Trans Rights Organisationen wie „Trans Murder Monitoring“ oder „ProTrans“ tun das. Der Trans Day of Remembrance, der jedes Jahr am 20. November von der Community begangen wird, erinnert an unsere Geschwister, die transfeindliche Gewalt erleben oder durch sie ermordet wurden.

Und das vielleicht schlimmste daran ist, dass wir bis hierhin noch gar nicht von Suiziden gesprochen haben: Müssen wir nicht eigentlich auch jede Selbsttötung und jeden Versuch dazu, zu den Gewaltverbrechen zählen? Nicht etwa, weil die Selbsttötung ein Verbrechen sei, sondern weil die gesellschaftliche und oft familiäre Gewalt trans Personen dazu bringt, den Suizid als letzten Ausweg aus ihrer Lage zu sehen.

Was sind nun die Erkenntnisse, die wir daraus ziehen? Das Problem ist international, intersektional und natürlich, wie so oft in dieser beschissenen Welt, trifft es die ohnehin Marginalisierten mal wieder am heftigsten. Wir können uns dabei nicht auf den Staat und seine Behörden, seine Statistiken verlassen. Wir müssen uns selbst organisieren, in Communitys, in antirassistischen und migrantischen, in feministischen und queeren Bewegungen – um gegen die Ermordungen unserer Geschwister und gegen alle Feminizide zu kämpfen.

Wir möchten nicht weiter über das Thema sprechen. Aber wir müssen. Mit einer Veranstaltungsreihe ist es nicht getan; ein Redebeitrag ist kein Schlussstrich.

Unser Kampf geht weiter, bis keine unserer Geschwister mehr ermordet werden!

Mourn the Dead, fight like hell for the living!

8. März heißt Kampfansage!

Redebeitrag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, 25.11.21

Im Folgenden unser Redebeitrag, den wir auf der Demo zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen gehalten haben. Die Demo wurde wie jedes Jahr auch dieses mal vom AFLR organisiert.

Redebeitrag 25.11.2021: Queere Kämpfe

Wir sind ana*m, eine anarchafeministische Gruppe aus Marburg.

Wie ihr wisst, ist heute, am 25. November, der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Also Gewalt an Frauen aus dem einfachen Grund, dass sie Frauen sind. Diese Gewalt ist im Patriarchat alltäglich und allgegenwärtig und dennoch statistisch untererfasst und medial wenig präsent. Diese Form von Gewalt betrifft ALLE Frauen, und die Frauen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind besonders.

Die vorherrschenden Bilder, zum Beispiel von Gewalt in intimen Beziehungen und Partner*innenschaften, sind allerdings stark normativ verzerrt: Wenn überhaupt, wird über die weiße able-bodied cis-Frau berichtet, die in ihrer heterosexuellen Beziehung Gewalt erlebt. Die andere Variante der vorherrschenden Berichterstattung ist von einem stark rassistischen Narrativ geprägt. Beide Erzählungen verfestigen den Status Quo der Machtstrukturen anstatt ihn anzugreifen. Beide Erzählungen werden der Vielfalt der Erfahrungen von Frauen, die tatsächlich von Gewalt betroffen sind, nicht ansatzweise gerecht.

Die Vielschichtigkeit von Gewalt aufgrund von mehrfach diskriminierenden Zuschreibungen und Strukturen wird kaum statistisch erfasst und medial verarbeitet. Ein Beispiel hierfür sind lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen. Auch diese sind von Gewalt gegen Frauen betroffen. Diese äußert sich allerdings in einer spezifischen Form und ist zudem noch von Gewalt begleitet, die das nicht normative Begehren dieser Frauen sanktioniert. Mainstream Medien suggerieren, dass lesbisch oder bisexuell zu sein bei Frauen heutzutage ein akzeptierter Lifestyle sei. Das legt den falschen Schluss nahe, dass nicht normatives Begehren bei Frauen auch im Alltag weithin akzeptiert sei. Die Realitäten von alltäglicher, vielschichtiger Diskriminierung werden hierbei ignoriert. Für betroffene Frauen wächst die Hürde von erfahrener Gewalt zu berichten. Nur 3% der lesbenfeindlichen Gewalt wird angezeigt. Die Dunkelziffer ist somit um einiges höher als die bei Gewalt gegenüber schwulen Männern. Spezifisch gegen lesbische, bisexuelle und pansexuelle Frauen gerichtete Gewalt passiert meist im öffentlichen Raum und sanktioniert direkt die Sichtbarkeit von nicht normativem Begehren. Dies verdrängt lesbische, bisexuelle und pansexuelle Lebens- und Liebensweisen aus der Öffentlichkeit.

Auch Gewalt gegenüber Menschen, die außerhalb cis geschlechtlicher Binarität leben, ist weithin nicht als gesellschaftlich relevant anerkannt. Hasskriminalität gegenüber trans Personen wird erst seit Anfang 2020 überhaupt gesondert von der Polizeistatistik gelistet.
Dabei können wir von einen körperlichen Angriff auf eine trans* Person an jedem Tag des Jahres in Deutschland ausgehen – Verbale Angriffe, wie etwa Morddrohungen, nicht eingerechnet. Diese Gewalt macht uns fassungslos. Aber wir werden nicht aufhören uns und andere daran zu erinnern.

Für Personen die sich als trans, inter oder nichtbinär identifizieren kommt mit dem medizinischen Bereich ein weiterer Sektor an institutionalisierten Gewalterfahrungen hinzu. Das erzwungene Unterziehen von Begutachtungen, Pathologisierung, unkonsensuale medizinische Eingriffe oder die Verweigerung der Behandlung sind nur einige Beispiele der Sanktionen im medizinischen Bereich, die spezifisch gegen Menschen angewendet werden, die sich der cis- und dya-geschlechtlichen Normativität entziehen.
Insgesamt steigt die Hasskriminalität gegen LGBTIQ in Deutschland seit einigen Jahren stark an. Viele der Angriffe auf Queeres Leben werden hierbei von Tätern mit rechter Gesinnung begangen und gesellschaftlich begünstigt durch eine weit verbreitete Abwertung von allem was als ‚Anders‘ konstruiert wird. In all jenen Bereichen, in denen Menschen von der konstruierten Norm abweichen, kommt normative Gewalt und Sanktionierung zum Einsatz. Um den Status Quo der Macht zu erhalten werden Menschen, die sich einer normativen Lebensweise widersetzen, systematisch unsichtbar gemacht, zum Schweigen gebracht und ermordet.

Lasst uns heute auf die Straßen gehen gegen Gewalt an Frauen. Und lasst uns die Vielfalt der Lebensrealitäten von Frauen und die Vielschichtigkeit der Gewalt gegen sie nicht vergessen. Zahlen können hilfreich sein um die Wichtigkeit von Kämpfen auch in bürgerliche Kontexte hinein zu tragen. Gewaltstatistiken können die Verflechtung von Mehrfachdiskriminierung aber im Kern nicht erfassen und leiden immer unter dem grundlegenden Problem der Kategorisierung. Sie rütteln nicht an den lebensfeindlichen Strukturen und ändern nichts an den Herrschaftsverhältnissen.

Die Kraft für unsere solidarischen Kämpfe und unseren Widerstand ziehen wir aus unseren Schmerzen, unserer Trauer, unserer Wut. Wir wollen uns in Queeren Kämpfen verbinden und die allgemeine Ordnung stören!

‚Queer‘ ist für uns in diesem Kontext ein Kampfbegriff. Queer zu sein ist ein politisches Bekenntnis der anti-Normativität.
Es bedeutet, sich in allen Bereichen des Lebens aufzulehnen gegen eine mörderische Norm.
Es bedeutet, dass wir uns nicht vorschreiben lassen wer wir sind und wer wir sein können.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wie, wo und mit wem wir leben.
Wir lassen uns nicht vorschreiben wen und wie wir lieben, wen und wie wir ficken und mit wem wir uns verbünden.
Wir sind unfassbar wütend.

Wir wollen in wütender Trauer und queerer Solidarität das verdammte System aus den Angeln heben.

Redebeitrag zum 06.11.21 – Normania-Leipzig Veranstaltung

NO BORDERS

Dies ist ein Redebeitrag von ana*m, einer anarcha-feministischen Gruppe aus Marburg.

Menschen migrieren schon immer. Und schon immer aus verschiedenen Motiven. Sie hängen direkt mit unserer Art zu leben zusammen und wie unsere Gesellschaft strukturiert ist.

Der Kolonialismus des Westens hat tiefe Spuren in den Gesellschaften des globalen Südens hinterlassen. Der Wert eines Menschen wird weiterhin entlang rassifizierender Merkmale bestimmt. Die Folgen der Ökologie- und Klimakrise macht das Leben in einigen Regionen der Erde unzumutbar. Menschen des globalen Südens werden in langen Produktions- und Lieferketten ausgebeutet, die Gewinne anderswo auf der Welt abgeschöpft. Der materielle Reichtum und die imperiale Lebensweise der oberen Schichten im globalen Norden beruht auf der Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie des globalen Südens.

Migrant*innen haben also gute Gründe, sich auf den Weg zu machen und ein besseres Leben für sich zu suchen. Sie stecken in unserer Gesellschaftsstruktur, in unserer Lebensweise: In einem Wirtschaftssystem, das unsere Lebensgrundlagen zerstört; in der Kapitalverwertungslogik, die Menschen ausbeutet; im postkolonialen Rassismus, der Menschen gewaltvoll unterdrückt, in nationalstaatlicher Logik, die Menschen in bürgerliche Rechtssubjekte und rechtlose Subalterne unterteilt. Menschen haben gute Gründe, selbstbestimmt nach einem besseren Leben zu streben.

Sie aufzuhalten, ist verachtenswert.

Doch genau das macht sich die Europäische Union zur Aufgabe. Schon in den Herkunftsländern versucht sie, die Menschen zum Bleiben zu bewegen, ohne ihnen dort ein gutes Leben ermöglichen zu wollen. Die globale Arbeitsteilung, die Ausbeutung der kapitalistischen Peripherie und ihrer Ökosysteme, die Rassifizierung von Körpern bleiben bestehen. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen im Streben nach einem besseren Leben die tödliche Sahara und das tödliche Mittelmeer überwinden müssen. Zusätzlich stellt die EU ihnen auch noch Mauern, Zäune, Grenzschutztechnologien, bewaffnete Grenzschützer*innen und Schlägertrupps in den Weg. An den Außengrenzen Europas – vorgelagert in Nordafrika, an Fluchtwegen wie der Balkanroute, im Mittelmeer – sorgt die EU mit Hilfe von Frontex, finanzieller Unterstützung von Autokratien und der sogenannten „libyschen Küstenwache“ für die Abschottung Europas und das Sterben vor und an den Außengrenzen Europas. Auch wenn Vertreter*innen der EU immer wieder von Menschenrechten faseln. Rein ins europäische ‚Paradies‘ kommt legal nur, wer für die europäische Wirtschaft nutzbar gemacht werden kann. Alle anderen müssen ihr Leben aufs Spiel setzen, um in Europa nach Schutz und Menschenwürde zu fragen.

Seit 2017 sind über 13.000 Menschen im Mittelmeer gestorben.

Aber die eigensinnigen Bewegungen der Migration, das Streben nach einem besseren Leben, lassen sich nicht durch Stacheldraht und Frontex, noch durch PR-Aktionen wie „Defend Europe“ von den Faschist*innen der Identitären aufhalten. Die Aktion der Identitären ist eine radikalisierte, aber konsequente Fortsetzung des eben beschriebenen europäischen Grenzregimes – allerdings ohne den Versuch, den bürgerlichen-legalistischen Anstrich zu bewahren. Anstatt – wie die EU – hinterrücks die sogenannte libysche Küstenwache zu unterstützen und so Menschen zurück nach Libyen in Sklav*innenlager zu schicken, prahlten die Identitären mit diesem Vorhaben offen. Anstatt durch juristische Verfahren und verbale Hetze Seenotrettung zu kriminalisieren, war es ausgesprochenes Ziel der Identitären, die NGOs dabei zu behindern, Menschen aus lebensbedrohlichen Situationen zu retten.

Die Gleichzeitigkeit dieses tödlichen Grenzregimes und PR-Aktionen von Faschist*innen, die es in weiterer Konsequenz durchsetzen, ist widerwärtig.

Dass Alexander Schleyer, der 1. Offizier dieser sogenannten Mission, heute bei der Burschenschaft Normannia-Leipzig zu Marburg spricht, ist kein Zufall. Schleyer ist nicht nur selbst Bruschi bei den Raczeks zu Bonn und Corpsstudent bei dem Corps Hansea Wien, sondern auch Identitärer, schreibt für diverse rechte Zeitschriften und hat ein Buch über „Defend Europe“ im neurechten Antaios-Verlag veröffentlicht. Bis 2017 hat er für die FPÖ als parlamentarischer Mitarbeiter gearbeitet. Die Normannia ist in der „Deutsche Burschenschaft“ organisiert, dem Dachverband von Nazi-Burschenschaften. Dieser fiel in der Öffentlichkeit vor allem wegen seiner Diskussionen um Ariernachweise als Voraussetzung zur Mitgliedschaft auf. Diese Diskussionen basierten damals auf einem Antrag der Raczeks. Der Vortrag ist ein klassisches Beispiel für die Funktion, die den völkischen Burschenschaften im Mosaik der faschistischen neuen Rechten zukommt: Sie sind der Ort, an dem Vernetzung stattfindet. Hier treffen die verschiedenen Teile der extremen Rechten aufeinander. Die Burschenschaften, die sich als akademische Elite verstehen, rekrutieren und bilden Nachwuchs, der durch das beschriebene Networking und die in der Struktur von Studentenverbindungen ohnehin vorgesehenen Seilschaften, an den verschiedenen Stellen der extremen Rechten Karriere machen kann: als Autoren bei Antaios, Blaue Narzisse, Junge Freiheit, Compact, als Aktivisten der Identitärer Bewegung und 1%, als Politiker bei AfD und FPÖ. Sie alle arbeiten an der autoritären Formierung der Gesellschaft und daran, die ohnehin schon restriktiven und rassistischen EU-Grenzregime noch zu verschärfen. Den Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft kommt dabei, trotz ihrer geringen Auffälligkeit im Stadtbild, eine wichtige Rolle zu.

Für ein gutes Leben für alle einzustehen, bedeutet für uns die konsequente Kritik an Nationalstaaten. Der Idee der Nation ist das Prinzip der Grenze und die Trennung in ein Außen und Innen inhärent. Konsequent umgesetzte Bewegungsfreiheit erfordert also einerseits die Abschaffung von Nationalstaaten, die Menschen gewaltsam in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. Es bedeutet für uns auch die Bekämpfung rassistischer globaler Ausbeutungsverhältnisse und die Forderung nach Klimagerechtigkeit. Ein gutes Leben für alle bedeutet, selbst entscheiden zu können, zu gehen oder zu bleiben, sich frei bewegen zu können. Das heißt auch, dass alle Menschen über die materiellen Grundlagen verfügen müssen, ihren Wohnort frei zu wählen und die dafür notwendigen Schritte einleiten zu können. Im Kapitalismus kann es eine solche Freiheit nicht geben, weil er nicht den materiellen Bedürfnissen aller, sondern lediglich der Kapitalakkumulation dient. Das Eintreten für Bewegungsfreiheit erfordert also nicht nur das Bekämpfen des Faschismus, mit seinen Burschenschaftlern und selbsternannten Grenzpatrouillen, sondern auch den Angriff auf die rassistische Verwertungslogik und die Politik des Sterbenlassens der EU. Es bedeutet für uns, gegen diese beiden menschenverachtenden Ideologien einzustehen, die Überwindung von Staat, Nation und Kapital. Wir verbünden uns mit den Menschen, die beharrlich für ihr Recht auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben kämpfen. Die Forderung nach globaler Bewegungsfreiheit eines jeden Menschen muss ein wirkliches „Kein Mensch ist illegal.“ werden!

Revolutionäre 1. Mai Demo 2019 in Marburg

Am 1. Mai 2019 fand seit langem mal wieder eine „Revolutionäre 1.Mai-Demo“ in Marburg statt. Einen kurzen Bericht der Orga-Menschen der FAU Marburg/Gießen/Wetzlar inklusive ein paar Fotos findet ihr hier. Auch wir fanden die Demo äußerst gelungen und haben den Nachmittag mit den Marburger Kollektiven, Musik und Sonne am Trauma sehr genossen. Fetten Dank an die Organisiator*innen! Ebenso möchten wir uns bei der solidarischen Person bedanken, die unseren Redebeitrag auf einer der Zwischenkundgebungen stellvertretend für uns gehalten hat. Den Redebeitrag könnt ihr im Folgenden lesen:

 

Liebe Genoss*innen, Freund*innen und Mitverschwörer*innen!

Dies ist ein Redebeitrag, der im Auftrag der anarchafeministischen Gruppe ana*m vorgetragen wird.

Als Anarchist*innen blicken wir auf eine lange Geschichte des Kampfes innerhalb und außerhalb der Arbeiter*innenbewegung zurück: Gegen den Kapitalismus und für ein freies und selbstbestimmtes Leben für alle! Ein Kapitel dieser Geschichte ist die Tragödie vom Haymarket Square. Auf diese geht der 1.Mai als Arbeiter*innenkampftag zurück. Im Jahr 1886, bevor es den 1. Mai als Kampftag oder gar als bürgerlichen Feiertag gab, fanden sich nordamerikanische Arbeiter*innen zum Generalstreik zusammen, um für den Achtstundentag zu kämpfen. So auch mehrere Tage in Chicago auf dem Haymarket Square. Die Demos wurden wiederholt von den Bullen attackiert, wobei einige Streikende getötet wurden. Das führte am 4. Mai dazu, dass eine unbekannte Person auf dem Haymarket eine Bombe in die Menge warf, die einige Menschen tötete, mehrere davon Bullen. Es ist bis heute nicht bekannt, wer die Bombe geworfen hat. Wegen der hohen Präsenz von Anarchist*innen im Streik wurde der Anarchismus für die Ereignisse verantwortlich gemacht und 8 Personen stellvertretend wegen Verschwörung angeklagt und verurteilt: Sieben zum Tode und einer zu 15 Jahren Haft.

Auch diesen Ereignisse und den getöteten Streikenden, unter ihnen die inhaftierten sowie hingerichteten Anarchist*innen, gedenken seit dem Antikapitalist*innen aller Länder am 1. Mai, indem sie antikapitalistische Demos und Aktionen verschiedenster Art veranstalten.

So treffen wir uns auch heute, um unserer Abneigung gegen die kapitalistischen Verhältnisse Ausdruck zu verleihen. Der Kapitalismus war, ist und bleibt eine ungerechte und menschenverachtende Wirtschaftsform. Es gilt ihn zu überwinden und durch eine Produktion, Reproduktion und Verteilung frei nach dem Motto „Alle nach ihren Fähigkeiten, allen nach ihren Bedürfnissen!“ zu ersetzen!

Auf solchen 1. Mai – Veranstaltungen wie dieser hier hört man häufiger die Forderung nach mehr Arbeit, oder nach Arbeit für alle. In der kapitalistischen Logik gedacht erscheint diese Forderung durchaus sinnvoll, denn um im Kapitalismus zu überleben braucht es Geld und für Geld brauchen die meisten von uns eben Lohnarbeit. Trotzdem bleiben wir der Meinung, dass das Problem nicht zu wenig Arbeit ist – denn mal ganz ehrlich, wer von uns ist nicht irgendwie ständig überarbeitet – sondern eine Wirtschaftsordnung, in der die Arbeit sowie deren Früchte nicht gerecht verteilt sind. Menschen im Kapitalismus sind von der Lohnarbeit abhängig, verfügen aber nicht frei darüber. Dadurch, dass die Produktionsmittel nicht der Allgemeinheit gehören und ungleich verteilt sind, besteht ein Machtgefälle zwischen denen, die sie haben und denen die gezwungen sind an ihnen zu arbeiten.

Überarbeiten kann man sich jedoch nicht nur durch Lohnarbeit, sondern auch durch solche, die gemeinhin nicht als gleichwertig angesehen wird,. Dies trifft beispielsweise auf Familienpflege, Arbeit in und an der Wohnung oder die psychische Unterstützung von Menschen zu, alles Arbeiten, die in den vermeintlich „privaten“ Bereich fallen und zum größten Teil von Frauen übernommen werden. Diese Unterscheidung findet sich nicht nur in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch in unseren eigenen Bewegungen, auch am 1. Mai.

Wir würden gerne in eine andere Form der Arbeit, oder auch nicht-Arbeit übergehen. Würde all diese Arbeit – ob bisher als solche angesehen oder nicht – als gesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden und sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten, dann gäb es vermutlich sehr viel weniger davon und uns allen würde es sehr viel besser gehen.

Leider ist uns auch klar, dass das nicht so einfach von heute auf morgen passieren wird. Wir halten es auch nicht für sinnvoll, uns dahingehend irgendwelche Illusionen zu machen. Denn wenn sich heute Menschenmassen erheben würden, um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen, dann ginge es sicher nicht in Richtung freiheitlicher Sozialismus. Nein, mit dem deutschen Mob wollen wir keine Revolution!

Dennoch, andere Formen der Arbeitsverteilung lassen sich auch jetzt schon umsetzen, innerhalb der Grenzen des Kapitalismus und trotzdem gegen sie. Wir denken hier an die sogenannte Kollektivarbeit. Ein Betrieb, immer noch den Regeln der Marktwirtschaft unterworfen, wird von all jenen, die darin arbeiten gemeinsam geführt – bedürfnisorientiert und gleichberechtigt. Manche solcher Kollektivbetriebe gibt es auch hier in Marburg und unterstützen auch diese Demonstration. Ein Beispiel dafür ist das Café am Grün. Ein weiteres Beispiel war unser aller Lieblingskneipe, das Havanna Acht. Die Kollektivkneipe, uns allen wichtig als Treffpunkt und Veranstaltungsort, musste – wie die meisten von euch wahrscheinlich wissen – leider im März diesen Jahres dicht machen. Das ist scheiße.

Unsere Solidarität gilt dem Kollektiv in seinem Kampf um einen neuen Raum und all jenen, die jetzt dazu verdammt sind in Scheiszkneipen oder auf der Straße zu trinken. Betriebe denen, die drin arbeiten, Kneipen denen, die drin saufen!

Eignet euch eure Arbeitsplätze an! Seht die Arbeit eurer Mitmenschen und wertschätzt sie! Schlaft öfter mal aus! Arbeitet an der Errichtung der Anarchie!

Bis dahin – support your local antifa and anarchist groups!

ana*m

 

Für Anarcha-Feminismus! Redebeitrag vom 7.3.2018

Am 7.3.2018 fand die feministische Vorabenddemo anlässlich des am 8.3. stattfindenden internationalen Frauen*kampftag in Marburg statt. Die Demo war laut, entschlossen und wurde von vielen spannenden und kämpferischen Redebeiträgen begleitet. Vielen Dank nochmal an das AutonomeFrauenLesben-Referat fürs Organisieren! Leider hat das Abspielen unseres Redebeitrags nicht so geklappt, wie wir uns das erhofft hatten… Deshalb findet ihr ihn unten nochmal verschriftlicht.

Eine englische Übersetzung folgt/English translation coming soon.

Unser Redebeitrag für die feministische Vorabenddemo am 7.3.2018 in Marburg

„Wir feiern heute den 8. März als einen Tag des feministischen Kampfes. Es ist ein Tag, an dem wir auf die Straßen gehen, uns den öffentlichen Raum aneignen und Sichtbarkeit einfordern. Es ist ein Tag, an dem wir uns selbst feiern, die wir jeden Tag gegen eine heterosexistische, kapitalistische, antisemitische und rassistische Welt ankämpfen, ein Tag, an dem wir auf die Resultate unserer Kämpfe zurückschauen und deren Geschichte kritisch überdenken.

Was können wir aus den Kämpfen der letzten Zeit lernen? Und was bedeutet das für aktuelle und zukünftige Kämpfe?

Wichtige Rechte sind in den letzten Jahren errungen worden, die ohne den andauernden Kampf von Feminist*innen, Inter, Trans und queeren Personen so nicht denkbar gewesen wären. Die Ehe wurde geöffnet, das Sexualstrafrecht wurde überarbeitet und erst vor wenigen Monaten wurde für eine „dritte Option“ als Geschlechtseintrag entschieden, um einige Beispiele zu nennen.

Aber das ist uns nicht genug!

All diese Reformen müssen dem Staat in langwierigen Prozessen abgerungen werden. Betroffene müssen dafür einen harten Kampf auf sich nehmen. Haben wir hierdurch eine Verbesserung erreicht? Vielleicht. Dennoch: Was hat sich eigentlich für wen verändert?

Bei genauerem Blick zeigt sich: Die vermeintliche „Ehe für alle“ ist wohl kaum ein Ausdruck für Aufgeschlossenheit gegenüber queeren Lebensentwürfen. Sie ist ein Versuch, gesellschaftskonforme gleichgeschlechtliche Paare für das reaktionäre Konzept der Ehe zu vereinnahmen. Dieses bleibt ein Machtinstrument, das klassische und konservative Rollenverteilung fördert und damit das Patriarchat fort schreibt. Alternative Formen des Zusammenlebens abseits binärer, monogamer und romantischer Zweierbeziehungen finden weiterhin keine Berücksichtigung. Diese teilweise Öffnung der Ehe führt zu einer weiteren Stärkung dieses antiemanzipatorischen Konzepts. Dies bedient damit auch den momentanen antifeministischen Backlash, anstatt diesem entgegen zu stehen.

Solche Reformen können auch dem erstarkenden Rassismus weiter Aufwind geben, wie es sich im Diskurs um das Sexualstrafrecht beobachten lässt. Statt sexualisierte Gewalt als Problem zu thematisieren und die Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen, wird ganz in weißer Mannier mit zweierlei Maß gemessen und sich auf bestimmte Personengruppen als vermeintliche Täter fokussiert. Dies äußert sich in rassistischer Gesetzgebung (wie den Asylrechtsverschärfungen) und bereitet den Boden für rassistische Angriffe und Hetze gegen Schwarze, Geflüchtete und migrantische Personen. Das macht auch klar: Der rechtliche Schutz gilt nicht (oder nur eingeschränkt) für Women of Color, Schwarze, Geflüchtete und migrantische Frauen, Trans-Personen und Queers.

Das können, wollen und werden wir so nicht hinnehmen!

Auch wenn diese Gesetzesänderungen zunächst wie eine positive Entwicklung wirken, sind und bleiben sie ein staatliches Instrument der Unterdrückung. Die Grenzen zwischen dem „Wir“ und „die Anderen“, zwischen dem „normal“ und „abnormal“ werden nicht angetastet, sondern lediglich verschoben. Neue Ausschlüsse und neue Abgrenzungen werden produziert. Unterschiede zwischen uns werden als maßgeblich, als bestimmend erklärt um Vorherrschaft zu legitimieren. Es ist der Versuch, uns beherrschbar zu machen und unsere Solidarität untereinander zu brechen.

Aber wir lassen uns nicht beherrschen!

Wir bleiben solidarisch miteinander!

Wir scheißen auf diesen Staat und seine faulen Zugeständnisse!

Viele Menschen finden für sich und in Gemeinschaft Möglichkeiten der Lebensgestaltung, die aus diesen starren Kategorien ausbrechen; Gender, Begehren, Beziehung und Zusammenleben jenseits von anerkannten Normen. Im Akt dieses Ausbruchs können wir widerständiges Potenzial gegen den Staat und gegen heterosexistische Unterdrückung finden. Menschen entwickeln solidarische und machtkritische Formen des Zusammenlebens und entziehen sich damit staatlicher Kontrolle.

Lasst uns unsere Utopie aus vielen kleinen solcher Schritte erschaffen.

Lasst uns in unserem alltäglichen Miteinander der äußeren und inneren Herrschaft widerstehen.

Lasst uns ausbrechen, Grenzen überwinden und niederreißen.

Lasst uns öffentliche Räume nehmen und Freiräume schaffen.

Lasst uns unsere Körper und unser Leben aneignen.

Lasst uns Banden bilden und uns nehmen, was uns zusteht!

Kampf der heterosexistischen Unterdrückung!

Gegen den sexistischen und rassistischen Normalzustand!

Für Anarcha-Feminismus!